Die Wasserschleifen von Idar-Oberstein

Wenn es Sie in Ihrem Urlaub einmal nach Idar-Oberstein verschlagen sollte (was ich Ihnen nur empfehlen kann), wird es Sie auf Ihrer Besichtigungstour sicher auch zu der historischen Weiherschleife führen, der letzten arbeitenden Wasserschleife. Um 1850, zur Hochzeit der Wasserschleifen, gab es im ganzen Bereich um Idar-Oberstein herum ca. 180 Wasserschleifen, 56 davon alleine am Idarbach.

Der Idarbach kommt aus den Bergen des Hunsrücks, fließt von Norden nach Süden und mündet in Idar-Oberstein in die Nahe. Auf seinem Weg legt er viele Höhenmeter zurück. Dadurch bekam er das nötige Gefälle, um die Schleifen anzutreiben. Man zweigte ein Teil des Wassers ab, das über ein großes Mühlenrad lief, welches seinerseits dann die großen Sandstein-Schleifsteine im Innern der Schleifen antrieb.

Weiherschleife Idar-Oberstein

Das Mühlrad der Weiherschleife

Die Schleifer waren damals sehr vom Wasserstand abhängig. In trockenen Sommern reichte das Wasser irgendwann nicht mehr und die Räder standen still. Das gleiche taten sie auch im Winter, diesmal wegen Vereisung. Dem Sommernotstand half man ab, indem man oberhalb der Schleife den Bach staute. Es entstanden Weiher, die zumindest das Sommerproblem lösten (und nebenbei im Sommer als Schwimmbad dienten). Im Winter mussten die Schleifer, bevor sie morgens mit der Arbeit beginnen konnten, Eis hacken.

Das Schleifen war keine gesunde Arbeit. Um die nötige Kraft aufzubringen, den Edelstein fest genug an den Schleifstein zu drücken, mussten die Schleifer auf kleinen speziellen Hockern (Kippstuhl genannt) auf dem Bauch liegen. Diese Stellung drückte auf die inneren Organe. Außerdem atmeten sie permanent den mit Wasserdunst gemischten Steinstaub ein. Die Lebenserwartung eines Schleifers war damals nicht hoch, nur 40 Jahre alt sind sie im Schnitt geworden. Das bedeutete, dass es für sie schwierig war, eine Ehefrau zu finden. Für die jungen Mädchen war es wenig attraktiv, relativ jung schon Witwe zu sein, mit einer Reihe von Kindern… Die Schleifer blieben also allein und freundeten sich oft mit dem Alkohol an, was ihre Lebenserwartung auch nicht gerade erhöhte.

Schleifer

So haben die Schleifer früher gearbeitet

Die flächendeckende Elektrifizierung, die ca. 1930 begann, läutete  das Ende der traditionellen Wasserschleifen ein.  Man war nicht mehr auf den Bach angewiesen, konnte theoretisch jetzt überall arbeiten. Manche Wasserschleifen wurden auf Elektrizität umgestellt, aber viele Schleiferei-Betreiber ergriffen auch die Gelegenheit und installierten ihre Schleife zu Hause im Keller. Kleinere Schleifräder kamen auf, vor denen man im Sitzen arbeiten konnte. So starb eine Wasserschleife nach der anderen, die Weiherschleife in Idar blieb als letzte übrig.

Doch einige Jahre lang stand auch die Existenz der Weiherschleife auf der Kippe. Sie war marode und man fand eine Renovierung wenig lohnend. In der Zwischenzeit war aber der Tourismus aufgekommen und die Besucher, die nach Idar-Oberstein kamen, waren sehr interessiert daran solch eine alte, urige Schleife zu sehen. So blieb also die Weiherschleife erhalten, wurde in altem Stil renoviert, und für die Besucher wurden Schleifvorführungen veranstaltet. Die Schleifer in ihrer typischen Kleidung schliffen jetzt kaum noch für den Handel, sondern um den Besuchern ihr Handwerk zu demonstrieren. Sie erklärten, wie sie noch vor wenigen Jahren gearbeitet hatten und wie hart das Leben der Schleifer war.

Ein alter Idar-Obersteiner hat mir erzählt, wie diese Schlitzohren ihr Gehalt aufbesserten: Sie beschrieben dem Besucher wortreich, wie hart Schleifer arbeiten müssen, wie ungesund ihr Beruf sei und dass die meisten unter ihnen nur eine Lebenserwartung von 40 Jahren hätten. Dann kam ein trauerumflorter Blick: „Ich bin schon 39!!“ Gleichzeitig wurde eine Hand aufgehalten. Der so Angesprochene wusste sofort, was jetzt von ihm erwartet wurde. Er tat seine Touristenpflicht, zückte seine Börse und ein Geldstück wechselte den Besitzer. Sie waren schon pfiffig, die alten Schleifer!

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